Wilfried Kürschner

Der Buchstabe ß – Form und Name



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(Die folgenden Darlegungen stützen sich auf die Ausführungen zu Beginn des Stichwortes »S« im »Deutschen Wörterbuch« von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, VIII. Band [Band 14], 1893, Sp. 1573–1576.)

Form und Name des Buchstabens ß (Eszett) sind nur sprachgeschichtlich zu verstehen.

Allgemeiner Rahmen: Zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert n. Chr. vollzog sich innerhalb der germanischen Sprachen ein Lautwandel, durch den sich das Hochdeutsche von den übrigen germanischen Sprachen sonderte. Dieser Lautwandel wird als zweite Lautverschiebung bezeichnet. Die älteste schriftlich belegte Form des so entstandenen Hochdeutschen ist das Althochdeutsche (ca. 750–1050). Es bildet, grob gesprochen, den Vorgänger unserer heutigen Standardsprache. Den älteren germanischen Zustand finden wir noch heute im Niederdeutschen und im Englischen sowie in anderen west- und nordgermanischen Sprachen wieder.

s-Laute im Althochdeutschen: Im Althochdeutschen gab es zwei s -Laute. Der eine, wie etwa im Wort ahd. hûs/nhd. Haus, findet sich auch im Niederdeutschen (huus) und im Englischen (house); dieser s-Laut stammt aus dem Germanischen vor der Ausgliederung des Althochdeutschen und wird dementsprechend als »germanisches s« bezeichnet. Dem anderen althochdeutschen (und neuhochdeutschen) s-Laut entspricht in den übrigen germanischen Sprachen ein t. Im Zuge der Zweiten Lautverschiebung ging dieses t im Inlaut von Wörtern und im Wortauslaut unter bestimmten Bedingungen in einen [s]-ähnlichen Laut über; dieser [s]-ähnliche Laut wird Verschiebungs-s genannt und in der Umschrift häufig mit einem »geschwänzten z« wiedergegeben (nicht zu verwechseln mit dem ähnlichen IPA-Zeichen für die palatoalveolare Spirans wie in Garage, das einer tiefgestellten 3 ähnelt – da der HTML-Code das geschwänzte z nicht enthält, ersetzen wir es hier durch das Dollarzeichen). Beispiele: (im Inlaut) germ. water – ahd. [wa$$ar], (im Auslaut) germ. dat (niederdt. dat, engl. that), ahd. [da$] > nhd. das bzw. daß (jetzt dass, s. u.). Im Anlaut ging germ. t in die Lautverbindung [ts] über; vgl. germ. tûn (niederdt. tuun [wie etwa in Immentun], engl. town) – ahd. zûn [tsu:n], nhd. Zaun. Ebenso ging germ. tt im Inlaut über in [ts], z. B. bei ahd. sizzen/sitzen < germ. sittan (niederdt. sitten, engl. sit).

Schreibung der s-Laute: Im Althochdeutschen: Das im Anlaut neu entstandene [ts] wurde im Althochdeutschen mit dem Buchstaben ‹z› wiedergegeben, vgl. germ. tûn
– ahd. ‹zûn›. Das im Inlaut neu entstandene [ts] wurde in der Schrift häufig (aber nicht durchgängig) mit ‹tz› wiedergegeben (‹sitzan›, ‹witze›). Der Buchstabe ‹z› wurde auch für das neue Verschiebungs-s, im Wortinnern und Wortausgang verwendet, sodass etwa für heißen ‹heizen› geschrieben werden konnte, ausgesprochen mit diesem [s]-ähnlichen Laut. Da die Schreibung in jener Zeit noch nicht normiert war, gab es neben ‹z› weitere Verschriftungsweisen für diesen Laut, z. B. die Verdoppelung ‹zz›, wie aus dem Nebeneinander von ‹wazar› und ‹wazzar› deutlich wird. Es finden sich aber auch Schreibungen wie ‹zs›, ‹zss› u. dgl. (Germanisches s, [s], wurde dagegen regelmäßig mit ‹s› wiedergegeben.)

Im Spätmittel-/Frühneuhochdeutschen: Im 14. Jahrhundert knüpfte man an diese Kombinationsschreibungen (‹zs›, ‹zss›) an und schrieb ‹sz›: »ein z, das ähnlich wie s ausgesprochen wird«. Aus dieser neuen Variante der Kombinationsschreibung erklärt sich auch die Entwicklung des Ligaturbuchstabens ß, also einer Verbindung (= Ligatur) des Buchstabens s mit dem Buchstaben z auf einer einzigen Drucktype: Das s, und zwar in der Form des »langen s«, wuchs mit dem z zusammen (in der Frakturschrift, der sog. alten deutschen Schrift, hatte das s im Wortinnern eine andere Gestalt als am Wortende, wo das »runde s« stand; das lange s sah aus wie ein f ohne Querbalken, das runde s hatte dagegen die Gestalt unseres heutigen s
). Neben der Schreibung ‹sz› bzw. der Ligatur aus ‹langem s und z› = ‹ß› wurde auch die Buchstabenkombination ‹ss› oder sogar einfaches ‹s› verwendet. Das zeigt, dass der Lautunterschied zwischen dem germanischen s ([s], wie in hûs/Haus ) und dem Verschiebungs-s (wie in weiß, vgl. engl. white) nicht mehr empfunden wurde bzw. nicht mehr vorhanden war. Wir unterscheiden heute in der Aussprache nicht mehr zwischen weiß und weis (wie in weismachen) im Auslaut, wohl aber im Inlaut: weißeweise.

Auch die sprachgeschichtliche Herkunft war vielen Schreibern nicht bewusst, wenn sie z. B. ‹es› schrieben (das [s] geht auf [t] zurück, vgl. engl. it, zu erwarten wäre die Schreibung ‹e + geschwänztes z›). Dies gilt auch für ‹das› (den Artikel und das Pronomen), vgl. engl. that . Die Konjunktion daß (jetzt dass) geht übrigens auf dasselbe Wort zurück wie das (vgl. abermals das Englische: that house, I hope that you come). Die beiden Verwendungsweisen werden nur in der Schreibung, nicht in der Lautung unterschieden.

‹ß› bzw. ‹ss› findet sich auch in einigen Fällen, in denen kein germanisches [t] zugrunde liegt, sondern ein germanisches [s], z. B. Kuß/Kuss (vgl. engl. kiss), Roß/Ross (engl. horse), miß-/miss- (wie z. B. missverstehen, vgl. engl. miss- z. B. in missunderstand). Das Suffix -nis (engl. -ness) konnte früher auch mit ‹ß› bzw. ‹ss› geschrieben werden. Es weist orthografisch eine Verkürzung auf, die bei der sog. Verlängerung wieder aufgehoben wird: VerhältnisVerhältnisse.

Zweimal ß: Noch einmal zur Schreibung von ‹ß›: Der Buchstabenname Eszett zeigt an, dass eine Ligatur von ‹s› und ‹z› gemeint ist (s. o.). Da, wie ausgeführt, die Unterscheidung zwischen ‹sz› und ‹ss› (sowie ‹s›) nicht konsequent durchgehalten wurde, konnte auch für ein ‹ss›, das an die Stelle von ‹sz› tritt, eine Ligatur verwendet werden, nun aber bestehend aus langem s plus rundem s. Manche Schriften zeigen die erste Variante (langes s + z), manche die zweite (wie die hier verwendete:
ß = langes s + rundes s), viele sind in dieser Hinsicht undeutlich.

[2001-Mär-05]